OSCOM - Fremdbestaeubung (Cross Pollination) von OS CMS Projekten

Michael Wechner, 27.12.2004

 
 

OSCOM ist eine internationale, nicht gewinnorientierte Organisation, die sich im Open Source Content Management Bereich engagiert. OSCOM wurde im Maerz 2002 als Meritokratie ins Leben gerufen.

Das Ziel ist eine Foerderung und zugleich eine Anaeherung von verschiedenen Denkweisen. Ausserdem soll als "Band of Brothers (and Sisters)" die Welt auf Open Source Content Management Projekte aufmerksam gemacht werden.

Obwohl sich die verschiedenen Open Source Content Management Projekte zum Teil direkt konkurrenzieren, entstand eine gesunde Gemeinschaft, wo jede Person ihre Rolle aufgrund von individuellem Wissen und Beitrag wahrnimmt.

Die Dualitaet von Cyber- und Meatspace hat sich bei der Bildung der OSCOM Gemeinschaft als besonders fruchtbar erwiesen, da sie eine Grenzueberschreitung zwischen den verschiedenen Open Source Content Management Gemeinschaften ermoeglicht.

Wie in der Natur haengt die Fremdbestaeubung von Open Source CMS Projekten von auesseren Einfluessen ab. So koennen die verschiedenen Treffen im Meatspace mit Eiszeiten verglichen werden, wo Bruecken zwischen verschiedenen Gebieten geschaffen werden oder verschiedene Lebensformen in ein gemeinsames Gebiet gedraengt werden.

 
 

Your Open Source Project sucks

An der OSCOM Konferenz in Berkeley (September 2002) trug Greg Stein ein T-Shirt mit der Aufschrift: "Your Open Source Project sucks" (Leider habe ich vergessen von wem die Aufschrift urspruenglich stammt und Google liefert im Moment wo dieser Satz geschrieben wird nur einen Link ;-). Zuerst fand ich die Aufschrift cool, aber dann begann sie mich zu verunsichern. Ist das von mir urspruenglich geschaffene Open Source Projekt "Apache Lenya" wirklich Mist? Ist die Organisation OSCOM, die zwar kein eigentliches OS Projekt ist, aber die Zusammenarbeit von verschiedenen OS Projekten im Content Management Bereich foerdern soll, eine Totgeburt? Nein, nein, nein. Oder doch?

Zusätzliche Resourcen

OSCOM

Against the Grain: Getting Projects To Work Together

Interop in the Bazaar

Free / Open Source Research Community

Apache Lenya

Wie OSCOM geboren wurde

Im Fruehling 2001 dachte ich, dass es interessant waere die verschiedenen Open Source Content Management Systeme zusammenzubringen. Natuerlich war (und bin) ich sehr ueberzeugt von "Apache Lenya" (resp. zu dieser Zeit noch XPS) und hatte keine Angst das Projekt in Konkurrenz zu anderen zu stellen. Im Spaetsommer 2001 fing ich an Leute von verschiedenen Open Source Content Management Projekten zur ersten Open Source Content Management Konferenz in Zuerich einzuladen. Die Rueckmeldungen dauerten zum Teil ewig. Wir hatten keine Ahnung von den meisten Projekten. Es waren voellig fremde Communities. Jede Zusage war ein riesiger Erfolg fuer uns. Die /ch/open und die ETH Zuerich haben uns bei der Organisation des Konferenzraumes grossartig unterstuetzt. Eric Wiseman hat den Harvard Professor Charles Nesson als Keynote Sprecher organisiert und ueberzeugte John Weir das Website Design der Konferenz zu gestalten. Eric Wiseman selber kam als Host an die Konferenz. Alle von Wyona haben mitgeholfen die Konferenz zu organisieren. Ohne diese freiwillige Zusammenarbeit waere die Konferenz wohl kaum zustande gekommen. Circa 100 Leute besuchten die Konferenz und die Teilnehmer schienen ziemlich viel Spass zu haben, aber ... es gab kein wirkliches Anzeichen zur Kollaboration zwischen den einzelnen Projekten. Eigentlich alle Projekte sahen sich als Konkurrenten (was sie ja auch waren). Und trotzdem, durch das Treffen im Fleischraum bekamen die Konkurrenten ein Gesicht, was zum Teil alles oder wenigstens vieles veraenderte.

Anschliessend zur Konferenz gingen Eric Wiseman und ich Snowboard Fahren in Engelberg. Es herrschte den ganzen Tag Nebel und keiner von uns weiss bis heute wie es dort eigentlich aussieht. Auf dem Weg zurueck nach Zuerich sprachen wir nochmals ueber die Konferenz und dachten, dass es schoen waere das Ganze weiterzuziehen. Am Bahnhof in Zuerich trafen wir zufaelligerweise Henri Bergius und Gregor Rothfuss, die beide einen Vortrag an der Konferenz gehalten hatten. Wir erzaehlten ihnen von unseren Ideen und das urspruengliche OSCOM board war damit entstanden (der Name OSCOM wurde urspruenglich von Urs Braendle vorgeschlagen). Innerhalb kurzer Zeit kamen Paul Everitt und Roger Fischer dazu und wir beschlossen eine weitere Konferenz in Berkeley (USA) durchzufuehren.

Die Editoren resp. Client Seite

Jedes Content Management System braucht einen Editor um Inhalt zu erfassen respektive zu veraendern. Fast jedes Web Content Management System verwendete urspruenglich HTML Formulare als Editierwerkzeug, wobei die Logik vorallem auf der Server Seite implementiert ist. Dies bedeutet, dass jedes WCMS die Server Seite neu implementieren muss obwohl das Frontend bei allen System sehr aehnlich ist. Dies aenderte sich jedoch mit der Einfuehrung des "contentEditable" Feature in den unterschiedlichen Web-Browsern wie zum Beispiel "Internet Explorer" oder "Mozilla". Das "contentEditable" Feature verlagert die Logik des Editierens im wesentlichen von der Server Seite auf die Client Seite. Dies ermoeglichte die Entwicklung von Editoren wie zum Beispiel BXE, Kupu und Xopus (wobei Xopus fuer ein paar Monate Open Source war, aber aus verschiedenen Gruenden wieder proprietaer wurde). OSCOM konnte hier zum ersten Mal erfolgreich eine Bruecke zwischen den verschiedenen Systemen schlagen. BXE und Kupu wurden im Jahr 2004 OSCOM Projekte und werden erfolgreich von verschiedenen Web Content Management Systemen eingesetzt.

Das Zauberwort heisst aber nicht unbedingt "contentEditable" sondern "Schnittstelle". Durch Einfuehrung von Schnittstellen koennen Systeme in Komponenten zerlegt werden und damit eine groessere Wiederverwendbarkeit erlangt werden. Das "WebDAV" (http://www.webdav.org) Protokoll bildet zum Beispiel die Schnittstelle um Inhalt zwischen Client- und Server-Seite auszutauschen. OSCOM foerdert die Verwendung von solchen Schnittstellen und regt zur Zusammenarbeit an. Zum Beispiel wird es in naher Zulunft nicht mehr ausreichen nur statischen Text editieren zu koennen, sondern der Inhalt wird "interaktiv". Beispiele dafuer waeren die Verlinkung von Woertern aufgrund von Linklisten oder Einfuegen von Bildern aus einem zentralen Repository. Solche Weiterentwicklungen fuehren gegebenfalls zu Erweiterungen der entsprechenden Schnittstellen. OSCOM hilft dabei verschiedene Ansichten von Anfang an zusammenzubringen.

Ein weiteres grosses Thema ist die eigentliche Desktop-Integration und Einigung auf gemeinsame Benutzeroberflaechen. Viele der taeglichen Arbeiten finden mit Hilfe sogenannter Desktop-Applikationen statt. Der Bruch zwischen Desktop (respektive lokalem Arbeitsraum) und der Server Seite ist noch viel zu gross und fuehrt zu unliebsamen Workarounds. Projekte wie zum Beispiel Twingle oder Inspezilla sind allererste Gehversuche, aber es wird noch viel Kommunikations- und Entwicklungsaufwand benoetigen um diesen Spalt zu schliessen. Bezueglich gemeinsamer Benutzeroberflaechen haben wahrscheinlich XUL (http://www.xulplanet.com) respektive Microsoft's XAML das groesste Potential, aber eine bessere Zusammenarbeit mit den verschiedenen Entwicklergemeinden ist dabei noetig.

Die Server Seite

Im Gegensatz zur Client Seite hatte OSCOM bisher groessere Muehe eine Kollaboration auf der Server Seite zwischen den verschiedenen CMS Projekten zu erreichen. Ein wesentlicher Grund dafuer ist, dass die verschiedenen CMS Projekte ihre Kernkompetenz auf der Server Seite haben. Doch es scheint, dass auch auf der Server Seite eine Zusammenarbeit moeglich ist, denn auch auf der Server-Seite gibt es Schnittstellen.

Ein Beispiel einer Schnittstelle auf der Server Seite ist der Java Specification Request 170 (JSR-170), welcher die Schnittstelle zwischen einem Content Management System (oder einer Applikation im allgemeinen) und dem Daten-Repository (wie zum Beispiel einer relationalen Datenbank) definiert. Obwohl diese Schnittstelle ein Java spezifischer API ist, gibt es bereits Bestrebungen denselben API in anderen Programmiersprachen, wie zum Beispiel PHP, zu implementieren. Weitere Gemeinsamkeiten auf der Server Seite sind zum Beispiel Proxy/Caching Loesungen respektive Deployment im allgemeinen und die Behandlung von sitetrees respektive topic maps. Dank der OSCOM community findet eine solche Fremdbestaeubung auch auf der Server Seite viel schneller statt als wie gewoehnlich.

Epilog

Es ist nicht das Ziel von OSCOM, dass es nur ein und genau ein Content Management System geben wird. Vom Standpunkt der Evolution waere dies auch nicht besonders sinnvoll, da die Vielfalt die Chance erhoeht, dass eine Weiterentwicklung stattfindet und der Grundast (sprich Open Source Content Management Loesungen) trotz veraendernder Umgebung hoffentlich nie ausstirbt. Aber eine zu starke Fragmentierung ist auch nicht sinnvoll, da die Ressourcen beschraenkt sind und das vertikale Wachstum des Grundastes (infolge des horizontalen Wachstums) zum erliegen kommen wuerde. OSCOM probiert durch Fremdbestaeubung eine Balance zu kreieren, so dass konkurrenzfaehige Open Source Content Management Loesungen entstehen koennen und langfristigen Bestand haben werden.

 
 

Michael Wechner hat urspruenglich das Open Source Content Management System Apache Lenya entwickelt. Seit dem September 2004 ist Lenya ein Apache Top Level Projekt. Die erste Open Source Content Management Konferenz in Zuerich wurde von Michael Wechner initiiert und im Rahmen von wyona.org und /ch/open organisiert. Michael Wechner is zurzeit Praesident der not-for-profit Organisation OSCOM, die aus der ersten OS Content Management Konferenz heraus entstanden ist.